Hinter der Postkartenidylle von Schloss Kammer am Attersee steckt die fast vergessene Geschichte einer morphinsüchtigen Künstlerin im Exil: Eleonora Mendelssohn.
Dem großen Max Reinhard war sie, während er in Salzburg mit der Gründung der Salzburger Festspiele beschäftigt war, auf ewig verfallen. Es reichte zur einer kurzen Affaire mit Folgen, von denen er nie erfuhr. Ehemänner und andere Kurzzeitgeliebte wie Arturo Toscanini waren nur Ablenkung.
Dass Eleonora von Mendelssohn – Tochter aus einer der berühmtesten Berliner Bankiers- und Gelehrtenfamilien, gefeierte Bühnenstar, Patenkind der legendären Eleonora Duse – im August 1925 dieses Schloss zur Hälfte erwarb, wissen die wenigsten. Und dass ihr Leben, das zwischen Berlin, Wien, Salzburg und schließlich New York pendelte, für einige kostbare Jahre auch am Attersee seinen Mittelpunkt fand, macht dieser Roman auf berührende Weise spürbar. Glanz und Abgrund liegen dicht beieinander.
Hubert Nowak, Journalist und ehemalige ORF-Landesdirektor war währen der Corona-Zeit mit einem Filmteam in unserem Litzlberger Garten. Er war auf der Suche nach interessanten Geschichten aus dem Lockdown. Es wurde einiges gefilmt, dann aber nur ein Blick auf den See verwendet.
Laut eigenen Angaben hat er sich fünf Jahre in das Leben von Eleonora Mendelssohn vertieft und ihr Leben in einem historischen Roman nachgezeichnet.

Eleonoras Leben hatte alles, was eine Geschichte braucht: Reichtum, Schönheit, Talent. Und eine unerfüllte Liebe – Max Reinhard, der Theatergott dieser Epoche, der sich um sie drehte wie die Welt und doch nie ganz zu greifen war. Dazu Affären mit Arturo Toscanini und Noël Coward, vier Ehen, enge Freundschaft mit Marlene Dietrich, von der Gexi Tostmanns Mutter berichtete, dass sie im graugrünen Steireranzug über den See ruderte.
Schloss Kammer war für alles eine elegante Bühne.
Und ein Rückzugsort inmitten eines Lebens, das dauernd in Bewegung war. Die politischen Umwälzungen der 1930er Jahre rissen ihr dann auch diesen letzten Anker weg – 1937 verließ sie Europa endgültig in Richtung New York. Die Ehe mit Rittmeister Emmerich von Jeszensky war längst zu Ende gelebt, Mann, Schloss und See blieben zurück.
Nowak schreibt das alles ohne Sentimentalität, aber mit einem Gespür für das Menschliche hinter den großen Ereignissen.
Leider wusste ich noch nichts davon, als ich vor 25 Jahren mit meinem Mann selbst im Schloss Kammer lebte. Im Winter mussten wir mangels Heizung ausziehen. Die Gefahr, dass Wasserleitungen einfrieren, war zu groß. Das war gut so. Denn von Nebel eingekreist und Wasser umgeben, legte und legt sich Trübsinn über die Halbinsel. Der Sommer war dafür ein großes Fest mit knarrenden Stiegen und Wellen, die sanft ans Ufer schlugen. Wenn ein Gewitter über den See heranzog, dachte ich an großes Welttheater. Unwissend, wie nahe ich der Realität gekommen war.
Manchmal braucht es Literatur, damit ein Ort seine Geschichte preisgibt. Wer dieses Buch liest und nächstes Mal an Schloss Kammer vorbeifährt, wird es mit anderen Augen sehen.
Hubert Nowak: „Eleonora„. Braumüller Verlag, 384 Seiten, € 26,00. Die Versandbuchhandlung Weidinger in Blickweite von Schloss Kammer schickt es auch gerne versandkostenfrei zu!

