Es ist eine Geschichte, die überall vorkommen kann und mehr vorkommen wird, als wir uns das vorstellen können. Die Nussdorferin Carolin Häupl (geboren in Bad Ischl) hat sie aus der Sicht einer Insiderin aufgeschrieben.
Sie ist Rechtsanwältin und arbeitet in der Kanzlei ihres Vaters in Nussdorf. Mit Parallelwelten ist Häupl, das wird in dem Justiz-Thriller schnell klar, vertraut. Auch mit jenen, an die man nicht anstoßen möchte. Vieles, was sie in dem Krimi „Schattenkinder“ verarbeitet hat, hat sie beruflich erlebt. Manches ist auch durch die regionalen Schlagzeilen der Medien gegangen.
Es ist die Welt des Kindesmissbrauchs, in diesem Fall in Verbindung mit dem World Wide Web. Rekrutiert werden die Opfer über soziale Medien oder – wie wir von Alexander Geyerhofers Vorträgen wissen – über die Chatfunktion unterschiedlicher Onlinespiele. Auch Geyerhofer ist vom Attersee, allerdings nicht Rechtsanwalt, sondern Polizist. Auch er ist mit der Thematik vertraut und hat Sachbücher dazu geschrieben. Bei Häupl beginnt die Kontaktaufnahme über facebook als Einstieg für die Cyberwelt des Darknets. Die Konstellation, dass hier die Mutter die Rolle wechselt und zur Täterin ihrer eigenen Töchter wird, ist besonders verstörend.
Als Juristin schildert Häupl die Gerichtsszenen und Ermittlungen präzise. Mit dem Wissen, dass sie hier teilweise real Erlebtes verfremdet bearbeitet hat, verspürt man beim Lesen ein Unbehagen. Auch das Setting am Attersee bietet nicht die Begleitidylle, die man sonst von den Attersee-Krimis kennt.

Blick über den Attersee, doch die Idylle trügt
„Schattenkinder“ ist wirklich gut geschrieben, wüsste man nichts zur Biografie der Autorin könnte man es hier so stehen lassen. Die Widmung zu Beginn „Für die Kinder, die hinter den fiktiven Figuren ‚Barbara und Katharina‘ dieses Buches stehen. Und für alle Kinder, die in Wahreheit Unvorstellbares erleiden, deren Stimmen oft ungehört bleiben“, macht eine Aufforderung daraus.
So bleibt nicht nur das Leserlebnis des Krimis, sondern auch eine Welt von Fragen nach der Lektüre, die beantwortet werden wollen. Deshalb sind Bücher, wie „Schattenkinder“ auch so wichtig.
Wo kann, wo muss man selber besser hinschauen, unbequeme Fragen stellen, auch auf die Gefahr hin im unmittelbaren Freundes- oder Familienkreis Grenzen zu übertreten, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können.
Als ich in Salzburg noch im Psychologiestudium saß, lernten wir dass die Dunkelziffer des Missbrauchs wesentlich höher als die Statistik sei. Man könne bei jeder 4. Person davon ausgehen, dass sie Missbrauchserfahrungen gemacht hat. Das war noch vor Beginn des Internetzeitalters.
Wenn du einen Verdacht hast oder betroffen bist melde dich beim Polizei-Notruf 133.
Buchtipp
Carolin Häupl: Schattenkinder. Justiz-Thriller aus dem Salzkammergut. Verlag federfrei, 161 Seiten, € 14,90.

