Salzkammerflut - Kriminalroman von Dagmar Hager

Was uns Erinnerung wert ist

In diesem Sommer war Ebensee kurz in aller Munde – und nicht wegen des Traunsees. Dem Zeitgeschichte Museum, das zugleich die KZ-Gedenkstätte betreut, wurde die Bundesförderung von 10.000 Euro gestrichen. Allgemeine Sparmaßnahmen, hieß es. Was folgte, war ein Aufschrei: in den sozialen Medien, in der Region, weit über das Salzkammergut hinaus. Ende Juli lenkte das Bildungsministerium ein – das Zeitgeschichtemuseum erhält nun 12.000 Euro, gewidmet der pädagogischen Arbeit mit Schulklassen. Bis zu 11.000 Menschen kommen jedes Jahr hierher, viele davon sind jung.

Ein gutes Ende. Aber ein Sommer, der eine unbequeme Frage hinterlassen hat: Wie selbstverständlich ist das eigentlich, das Erinnern? Und was passiert mit einem Ort, der aufhört, seine eigene Geschichte zu erzählen?

Eingang zum KZ-Stollen in Ebensee
Eingang zum KZ-Stollen in Ebensee

Zeitgeschichte in Ebensee

Eine Annäherung dazu gibt es auf unterschiedlichsten Wegen. Neben Fachthemen, Ausstellungen oder Symposien sind es oft auch Krimis, die das Thema einem breiteren Publikm servieren. Wie Dagmar Hagers „Salzkammerflut“, der heuer zu Sommerbeginn erschienen ist. Es ist der vierte Fall ihres bewährte Gespannes bestehend aus der Bad Ischler Ärztin Marie Giesinger und dem LKA-Ermittler Ben Achleitner. Eine Prise Knistern zwischen den beiden gehört zum Spannungsaufbau dazu.

Hochwasser ist für alle, die an der Lebensader des Salzkammergutes Leben, zu einer kollektiven Erfahrung geworden; jede Generation hat ihr eigenes Jahr, das sie nie vergisst und sich die Traun ihre direkte Umgebung untertan machte. Ein spannender Einstieg im Prolog des Buch, symbolträchtig zugleich: Wasser, das steigt und wieder fällt, ist ein ziemlich treffendes Bild für das, worum es in der Geschichte geht. Manches lässt sich zudecken – bis es eines Tages wieder freigelegt wird.

Dann geht es schon mitten hinein in die Historie, an den Schauplatz wo Ebensee alljährlich seiner NS-Geschichte gedenkt. Im KZ-Stollen wird ein Handy gefunden. Eine junge Frau verschwindet – und die Spur führt nicht in die Gegenwart, sondern Jahrzehnte zurück, in den Sommer 1959, als eine schwere Flut über den Ort kam …

Mehr als ein Regionalkrimi

Die klassischen Salzkammergut-Krimis, nutzen die pittoreske Landschaft als Kulisse. See, Berg, Brauchtum und Tracht und natürlich eine Leiche. Hager macht das nicht. Man merkt, dass sie dem Salzkammergut seit Jahrzehnten tief verbunden ist. Es liest sich auch für Einheimische, als würde man durch die Orte gehen. Schade nur, dass der Verlag für das Coverbild auf Sankt Wolfgang ausgewichen ist. Ein Bild vom Feuerkogel herab wäre spektakulär und authentisch gewesen.

Blick vom Feuerkogel auf Ebensee.
Blick vom Feuerkogel auf Ebensee.

Nach Carolin Häupls „Schattenkinder„, das am Attersee spielt, habe ich Hagers Krimi „Salzkammerflut“ an zwei lauen Terrassenabenden verschlungen. Er liest sich leicht, bleibt aber länger hängen, als man vermuten würde. Statt blutig ist er nachhaltig, man denkt daran, wenn man durch Ebensee fährt. Ein Buch, das zur richtigen Zeit erscheint. Während wir darüber diskutieren, was uns das Erinnern wert ist, erzählt Dagmar Hager davon, was passiert, wenn man es sein lässt: Die Geschichten verschwinden nicht. Sie kommen irgendwann wieder hoch.

Meine persönliche Empfehlung: Fahrt mit dem Buch an den Traunsee. Ebensee im Frühherbst, wenn das Licht schon tiefer steht und der Feuerkogel über allem hängt, das ist eine Traumkulisse. Wer möchte, macht daraus einen ganzen Tag: vormittags ins Zeitgeschichte Museum und zur Gedenkstätte, nachmittags mit dem Buch ans Wasser. Das ist eine seltsame, sehr salzkammergütlerische Mischung aus Schönheit und Schwere. Aber genau die macht diese Gegend aus.

Buchtipp

Dagmar Hager: „Salzkammerflut“. 256 Seiten, Gmeiner-Verlag, € 16,00. Die Versandbuchhandlung Weidinger aus Seewalchen am Attersee schickt ihn gerne zu.