Was uns Erinnerung wert ist
In diesem Sommer war Ebensee kurz in aller Munde – und nicht wegen des Traunsees. Dem Zeitgeschichte Museum, das zugleich die KZ-Gedenkstätte betreut, wurde die Bundesförderung von 10.000 Euro gestrichen. Allgemeine Sparmaßnahmen, hieß es. Was folgte, war ein Aufschrei: in den sozialen Medien, in der Region, weit über das Salzkammergut hinaus. Ende Juli lenkte das Bildungsministerium ein – das Zeitgeschichtemuseum erhält nun 12.000 Euro, gewidmet der pädagogischen Arbeit mit Schulklassen. Bis zu 11.000 Menschen kommen jedes Jahr hierher, viele davon jung.
Ein gutes Ende. Aber ein Sommer, der eine unbequeme Frage hinterlassen hat: Wie selbstverständlich ist das eigentlich, das Erinnern? Und was passiert mit einem Ort, der aufhört, seine eigene Geschichte zu erzählen?

Eine Annäherung dazu gibt es auf unterschiedlichsten Wegen. Mit „Salzkammerflut“ ist dieses Jahr ein neuer Krimi dazu erschienen, der sich die Frage mit ganz anderen Mitteln stellt.
Zeitgeschichte in Ebensee
„Salzkammerflut“ von Krimiautorin Dagmar Hager ist der vierte Fall für das bewährte Gespann bestehend aus der Bad Ischler Ärztin Marie Giesinger und dem LKA-Ermittler Ben Achleitner. Und er beginnt dort, wo Ebensee seiner NS-Geschichte gedenkt. Im KZ-Stollen wird ein Handy gefunden. Eine junge Frau verschwindet – und die Spur führt nicht in die Gegenwart, sondern Jahrzehnte zurück, in den Sommer 1959, als eine schwere Flut über den Ort kam …
Hochwasser gehört an der Traun zu einer kollektiven Erfahrung; jede Generation hat ihr eigenes Jahr, das sie nie vergisst. Es ist ein spannender Einstieg, symbolträchtig zugleich: Wasser, das steigt und wieder fällt, ist ein ziemlich treffendes Bild für das, worum es in der Geschichte geht. Manches lässt sich zudecken – bis es eines Tages wieder freigelegt wird.
Mehr als ein Regionalkrimi
Die klassischen Salzkammergut-Krimis, nutzen die pittoreske Landschaft als Kulisse. See, Berg, Brauchtum und Tracht und natürlich eine Leiche. Hager macht das nicht. Man merkt, dass sie dem Salzkammergut seit Jahrzehnten tief verbunden ist. Es liest sich auch für Einheimische, als würde man durch die Ortschaften gehen.
Nach „Schattenkinder„, habe ich Hagers Krimi „Salzkammerflut“ an zwei lauen Terrassenabenden verschlungen. Er liest sich leicht, bleibt aber länger hängen, als man vermuten würde. Statt blutig ist er nachhaltig und passt perfekt in die Zeit. Ein Buch, das zur richtigen Zeit erscheint. Während wir darüber diskutieren, was uns das Erinnern wert ist, erzählt Dagmar Hager davon, was passiert, wenn man es sein lässt: Die Geschichten verschwinden nicht. Sie kommen irgendwann wieder hoch.
Fahrt mit dem Buch an den Traunsee. Ebensee im Frühherbst, wenn das Licht schon tiefer steht und der Feuerkogel über allem hängt, das ist eine Traumkulisse. Wer möchte, macht daraus einen ganzen Tag: vormittags ins Zeitgeschichte Museum und zur Gedenkstätte, nachmittags mit dem Buch ans Wasser. Das ist eine seltsame, sehr salzkammergütlerische Mischung aus Schönheit und Schwere. Aber genau die macht diese Gegend aus.
Buchtipp
Dagmar Hager: „Salzkammerflut“. 256 Seiten, Gmeiner-Verlag, € 16,00. Die Versandbuchhandlung Weidinger aus Seewalchen am Attersee schickt ihn gerne zu.

